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Priestertum – Das Privileg eines Volkes | LuB 84

Wenn wir über das Priestertum sprechen, betreten wir oft ein komplexes und manchmal auch sensibles Terrain. Für viele ist das Priestertum in erster Linie eine göttliche Macht – die Vollmacht, im Namen Gottes zu handeln. Und das ist nicht falsch. Aber es ist auch nicht die ganze Wahrheit.

Lehre und Bündnisse 84 bietet uns einen faszinierenden und tiefgründigen Einblick in das, was das Priestertum wirklich ist – oder besser gesagt, was es sein kann. Es korrigiert viele falsche Annahmen, die sich im Lauf der Zeit in unser kollektives Verständnis eingeschlichen haben.


Drei falsche Vorstellungen vom Priestertum

Der Begriff „Priestertum“ ruft bei vielen bestimmte Bilder hervor: Männer in Anzügen, Hände auf Köpfen, kirchliche Organisationen. Aber vielleicht haben wir uns da an eine zu enge Sichtweise gewöhnt.

Hier sind drei gängige Missverständnisse:

  1. PriestHOOD ist keine „Kapuze“.
    Das englische Wort „hood“ lässt uns vielleicht an ein Kleidungsstück denken – so wie ein Mönch eine Kapuze trägt. Doch in Wirklichkeit ist „hood“ hier wie in neighborhood (Nachbarschaft) oder brotherhood (Bruderschaft) zu verstehen: Es geht nicht um das Individuum, sondern um eine Gemeinschaft, ein Volk.
  2. Priestertum ist nicht nur für die Kirche da.
    Die Wiederherstellung brachte nicht nur eine Organisation, sondern ein ganzes Volk hervor – eine Gemeinschaft, die befähigt ist, mit Gott zu leben. Somit stellt sie nicht nur die Kirche des Neuen Testaments wieder her, sondern auch die Idee eines Volkes, die im Alten Testament zentral ist.
  3. Priestertum ist meist leise.
    Im Gegensatz zu den dramatischen Wundern Henochs (siehe Moses 7:13), sind die Zeichen des Priestertums heute oft unscheinbar, leise und alltäglich. Und das soll so sein. In Vers 73 der Offenbarung heißt es: „… [die Ältesten] sollen damit nicht über sich prahlen, auch nicht vor der Welt darüber reden.“

Warum nur Männer? Warum nicht jeder Gläubige?

Diese Fragen tauchen immer wieder auf – zu Recht. Warum ist das Priestertum in seiner formalen Übertragung Männern vorbehalten? Warum nicht „Priestertum aller Gläubigen“?

Ehrlich gesagt: Wir wissen es nicht abschließend. Vielleicht liegt es daran, dass Gott uns zur Zusammenarbeit bringen will. Die kleinste Einheit im Himmel ist nicht das Individuum, sondern das Paar – Mann und Frau. Die Rollenverteilung im Priestertum könnte weniger mit Macht als mit Verantwortung und Verbindung zu tun haben.


Priestertumsvollmacht ≠ Priestertumsmacht

Ein zentraler Punkt dabei, den wir später in LuB 121 lernen: Man kann Vollmacht haben – aber keine Macht.

Ich erinnere mich an einen Missionar in meiner Mission, der aus Spaß eine flasche Olivenöl weihte. Wir haben es weggeschüttet, weil wir geweihtes Öl nicht zum Kochen benutzen wollten. Doch als ich über die Jahre über dieses Ereignis nachdachte, kam ich zu dem Schluss, dass dieser Missionar in dieser Situation keinerlei Macht hatte, um dieses Öl zu weihen – denn es funktioniert einfach nicht als Scherz oder für irgendwelchen unrechtschaffenen Zwecke.

Die geistige Kraft des Priestertums hängt nicht an der Ordination, sondern an der Rechtschaffenheit. In Vers 37 steht:

„…wenn wir auch nur mit dem geringsten Maß von Unrecht […] Gewalt oder Herrschaft oder Nötigung ausüben […] Amen zum Priestertum oder der Vollmacht jenes Mannes.“

Mit anderen Worten: Missbrauch entzieht uns sofort jede geistige Autorität. Die wahre Macht des Priestertums fließt nur durch Liebe, Geduld, Demut und Christusähnlichkeit.


Gottes Angebot an sein Volk

Im Unterschied zum aaronischen Priestertum, das zur Reinigung führt, bringt uns das melchisedekische Priestertum zur Heiligung. Es stellt uns die Frage:

Wie weit wollen wir gehen?

In LuB 84:23–24 lesen wir, dass die Israeliten das größere Licht nicht annehmen wollten. Sie waren mit einer Art „Minimalprogramm“ zufrieden – und so blieb es beim aaronischen Priestertum.

Doch der Herr wollte mehr. Er wollte ein celestiales Volk. Die Wiederherstellung ist nicht nur die Rückkehr von Lehren oder Strukturen – sie ist der Versuch, eine Gemeinschaft zu schaffen, die mit der Macht Gottes ausgerüstet ist.


Sind wir dadurch besser?

Nein. Aber wir tragen mehr Verantwortung. In Vers 20–21 heißt es, dass im Priestertum „die Kraft der Gottseligkeit offenbar“ wird – durch Bündnisse, durch Dienst, durch Hingabe. Es ist das Vehikel, durch das die Segnungen des Sühnopfers konkret gemacht werden.

Das Priestertum ist kein exklusiver Männerclub. Es ist die Einladung an uns alle, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die nicht nur an Gott glaubt, sondern mit ihm lebt. Es fordert uns heraus, uns zu läutern, zu heiligen und zu dienen – nicht zu prahlen.

Der wahre Beweis des Priestertums ist nicht die Ordination oder wer es „trägt“ – sondern der Wandel, den es in uns und durch uns bewirkt.

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