Bis zur Fülle – Gottes Theologie der Kindererziehung | LuB 93
Abschnitt 93 im Buch der Lehre und Bündnisse gehört zu den tiefgründigsten Offenbarungen, die wir besitzen. Dr. Michael Murdock beschreibt es so:
„Abschnitt 93 in Lehre und Bündnisse beleuchtet einige der erhabensten Lehren, die wir in den heiligen Schriften finden. Darin lehrt uns der Herr über das vorirdische Leben, die Schöpfung, Wahrheit/Licht/Elemente und Intelligenzen, die Auferstehung, Entscheidungsfreiheit, Fortschritt, das Böse und vieles mehr.“
Es geht also um nichts Geringeres als Schöpfung, Intelligenz, Freiheit, Auferstehung und Fortschritt. Doch mitten in dieser kosmischen Weite geht es gleichzeitig um etwas sehr Alltägliches: Wie wir Kinder erziehen.
„WAS und WIE ihr anbetet“
In Vers 19 erklärt der Herr den Schlüssel:
„Ich sage euch dies, damit ihr versteht und wisst, wie ihr anbeten sollt und was ihr anbeten sollt, damit ihr in meiner Gegenwart kommen und in meiner Herrlichkeit bleiben könnt.“
Das Ziel der Anbetung ist nicht nur, Gott besser zu verstehen – sondern auch, selbst mehr wie er zu werden. Je besser wir den Vater kennen und seinen Umgang im Beispiel mit seinem Sohn Jesus Christi, desto besser verstehen wir unsere eigene Aufgabe als Eltern.
Gnade um Gnade
Jesus selbst musste wachsen – nicht alles kam auf einmal:
„Und ich, Johannes, sah, dass er den Geist nicht in seiner Fülle empfangen hatte am Anfang, sondern von Gnade zu Gnade.“ (Vers 12)
„Und er empfing nicht von der Fülle am Anfang, sondern er empfing Gnade um Gnade.“ (Vers 13)
Wenn sogar der Sohn Gottes so lernte, Schritt für Schritt, dann gilt das auch für uns – und für unsere Kinder. Wir können nicht alles sofort, und das ist Teil von Gottes Plan.
Licht, Wahrheit und Entscheidungsfreiheit
Wie erzieht Gott seine Kinder? Nicht durch Zwang, sondern durch Wahrheit und Licht.
„Alle Menschen, die im Anfang bei mir waren, sind Geister; … der Mensch war auch im Anfang bei Gott. Die Intelligenz oder das Licht der Wahrheit war nicht erschaffen und auch nicht gemacht, weder kann sie erschaffen noch gemacht werden.“ (Vers 29)
„Die Wahrheit ist das Licht der Erkenntnis der Dinge, wie sie sind und wie sie waren und wie sie sein werden.“ (Vers 24)
„Die Menschen sind in der Welt, damit sie lernen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden.“ (Vers 31)
„Ich habe euch geboten, dass ihr eure Kinder im Licht und in der Wahrheit erzieht.“ (Vers 40)
Gott erzieht uns, indem er uns befähigt, frei zu entscheiden – im Licht, nicht in Verblendung. Darin liegt die Theologie der Kindererziehung in LuB 93: Wir geben Licht, wir geben Wahrheit, wir geben Raum zur eigenen Entscheidung.
Die Gefahr des Gewöhnlichen
Elder Kearon hat uns einmal erinnert, dass Wahrheiten, die wir immer wieder hören, leicht ihren Zauber verlieren:
„Aber wenn Sie schon seit vielen Jahren diese Wahrheit gelehrt bekommen, sie selbst ausgesprochen und davon gesungen haben, ist das wundersame Staunen darüber vielleicht längst verblasst und Sie spüren die Kraft und den Frieden, die daraus erwachsen, nicht mehr.“
Und Präsident Oaks ergänzte:
„Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass viele unserer Mitglieder diesen Erlösungsplan, der Antwort auf die meisten Fragen zur Lehre und zu den inspirierten Richtlinien der wiederhergestellten Kirche gibt, nicht voll und ganz verstehen.“
Wir laufen Gefahr, die Größe dieser Lehren – Licht, Wahrheit, Entscheidungsfreiheit – als selbstverständlich hinzunehmen.
Fazit: Lernen wie der Vater
LuB 93 zeigt uns: Erziehung geschieht wie Anbetung – Schritt für Schritt, Gnade um Gnade, Licht um Licht.
Gott zwingt nicht, er lädt ein. Er überhäuft nicht, er gibt zur rechten Zeit. Er nimmt uns ernst als freie Kinder, die in Wahrheit wachsen können.
Genau so sollen wir Eltern sein.
„Ich sage euch dies, damit ihr versteht … damit ihr in meiner Gegenwart kommen und in meiner Herrlichkeit bleiben könnt.“ (Vers 19)
Die Theologie der Kindererziehung ist zugleich die Theologie der Nachfolge: Gott führt uns bis zur Fülle und wir dürfen unsere Kinder auf demselben Weg begleiten – indem – wir Licht und Wahrheit lernen, aber auch Raum für Verantwortung und Entscheidungsfreiheit zulassen.
