Damit ich barmherzig sein kann – LuB 98–101
Die Abschnitte 98 bis 101 des Buches Lehre und Bündnisse sind in einer Zeit großer Bedrängnis gegeben worden. Die Heiligen litten unter Verfolgung, Vertreibung und Unsicherheit. Mitten in diesem Chaos offenbarte der Herr Grundsätze von Krieg und Frieden, von Vergebung und Gerechtigkeit, und von seinem Plan für Zion.
Die Theologie des Friedens (LuB 98)
Der Herr macht deutlich, wie sehr ihm Friede am Herzen liegt:
„Darum trachtet von nun an eifrig danach, mit allen Menschen Frieden zu haben und aufzubauen, und entsagt dem Krieg und verkündigt Frieden.“ (LuB 98:16)
Oft sind wir impulsiv und schnell dabei, Gericht zu halten. Doch der Herr sagt unmissverständlich:
„Und wiederum: Wer nicht von Herzen vergibt, dem wird euch die größere Sünde zugerechnet.“ (LuB 98:24)
Vergebung soll nicht auf Vergeltung warten, sondern großzügig gegeben werden – selbst wenn keine Wiedergutmachung erfolgt. Der Herr fordert, dass wir dreimal ohne Wiedergutmachung vergeben und auch dann nicht den Wunsch nach Vernichtung im Herzen tragen. Es ist leicht, wie Jona zu hoffen, dass der Feind endlich zerstört wird – doch der Herr lädt uns zu etwas Höherem ein.
Trotz Verlust treu bleiben (LuB 99–100)
In Abschnitt 99 wird John Murdock berufen, das Evangelium zu predigen. Er war Witwer mit fünf Kindern, darunter Zwillingen, die gerade erst geboren waren. Drei seiner Kinder schickte er nach Zion, um für sie sorgen zu lassen, und sah sie erst Jahre später wieder.
In Abschnitt 100 spricht der Herr zu Joseph Smith und Sidney Rigdon, die auf Mission im Nordosten unterwegs waren. Joseph war besorgt um seine Familie und um Zion. Der Herr stärkte ihn mit einer klaren Verheißung:
„Darum sei getrost, mein Sohn; dein Haus ist wohl, deine Familie ist wohl; sie sind in meinen Händen.“ (LuB 100:1)
Warum lässt der Herr Leiden zu? (LuB 101)
Nach der Vertreibung aus Jackson County fragten die Heiligen: Warum? Der Herr antwortete klar:
„Ich, der Herr, habe zugelassen, dass meine Leute durch große Trübsale heimgesucht werden … doch dies habe ich getan, damit sie zur Erprobung geprüft werden.“ (LuB 101:2,4)
Und weiter:
„Sie waren langsam, des Herrn zu gehorchen, deshalb ist der Herr, ihr Gott, langsam, ihre Gebete zu erhören und ihnen am Tag ihrer Bedrängnis zu antworten.“ (LuB 101:7–8)
Diese Worte sind schwer. Aber sie zeigen auch: Der Herr hat die Kontrolle nicht verloren. Er erzieht, er prüft, er formt.
Das Gleichnis vom Edelmann und vom Weingarten
In Versen 43–62 erklärt der Herr durch ein Gleichnis, dass Zion wie ein Weingarten ist, den man schützen muss. Der Edelmann (der Herr) ruft seine Knechte auf, Mauern und Türme zu bauen, doch sie vernachlässigen den Auftrag. Als die Feinde kommen, wird alles zerstört.
Die Botschaft ist klar: Wir müssen Salz bleiben (Vers 39), das heißt, unsere göttliche Berufung ernst nehmen, anstatt sie zu verlieren. Und wir müssen bereit sein, für Zion zu handeln, nicht nur zu warten. Und das bedeutet vorranging, Häuser des Herrn zu bauen, damit er uns darin mit seiner Macht ausstatten kann. Eine Macht, die nicht militärisch ist, sondern uns reinigt und barmherziger werden lässt.
Steine fangen statt werfen
Manchmal warten wir fast darauf, dass „die Schuldigen“ endlich ihr Gericht bekommen. Doch der Herr beendet diese Offenbarung mit einem bemerkenswerten Aufruf:
„Darum betet, dass ihre Ohren für euer Schreien offen sein mögen, damit ich zu ihnen barmherzig sein kann, damit dies nicht über sie komme.“ (LuB 101:92)
Wir sollen nicht jubeln, wenn das Gericht kommt, sondern beten, dass Barmherzigkeit möglich wird. Elder Dale G. Renlund hat das Bild geprägt: Wir sind nicht zum Steinewerfen berufen – sondern zum Steinefangen, damit andere nicht verletzt werden.
Fazit
Diese Kapitel lehren uns:
- Frieden geht vor Recht – wir sollen lieber vergeben als uns an Vergeltung zu klammern.
- Gott prüft und züchtigt, aber nie aus Grausamkeit, sondern aus Liebe.
- Zion ist eine Aufgabe – wir müssen heilige Orte und heilige Herzen bauen.
- Barmherzigkeit ist das Ziel – der Herr möchte, dass wir ihm helfen, barmherzig sein zu können.
So schwer die Umstände auch sind: Der Herr lädt uns ein, nicht Richter zu spielen, sondern Mitträger seiner Barmherzigkeit zu werden.
