Eine Quelle des Lebens | LuB 81-83
Wir alle erleben Momente, in denen wir einfach nur weglaufen wollen. Weg vom Schmerz, von der Überforderung, von der Einsamkeit. Ich erinnere mich an eine Zeit auf Mission, in der der Wunsch zu verschwinden so stark war, dass ich auf eine Burg auf einem Hügel im Maisfeld zulaufen wollte – einfach nur fort von allem.
Auch in der Kirchengeschichte treffen wir auf solche Geschichten – etwa Jesse Gause, ein früh berufenes Mitglied der Ersten Präsidentschaft. Ursprünglich ein Shaker, der nach seiner Bekehrung zur Kiche JEsu Christi von seiner Frau verlassen wurde und später auf Mission berufen wurde – und nach einem gescheiterten Versöhnungsversuch verschwunden, als sein Begleiter krank zurückreisen musste. Auch er war sicherlich überfordert. Vielleicht suchte auch er einen Ausweg.
Und wir? Wie gehen wir mit solchen Menschen um – mit uns selbst, wenn wir so sind?
Schaffen wir Raum im Zelt des Herrn für Herzschmerz, Sucht, Zweifel, Angst? Für Menschen, die nicht „einfach zurückkehren“, sondern stolpern, mit dem Glauben ringen oder verletzt sind?
Machen wir Platz – nicht nur für Starke
Jesaja spricht vom Zelt des Herrn, das erweitert werden soll. Kein exklusiver Ort für die scheinbar Starken, sondern ein heiliger Raum, in dem auch Schwäche willkommen ist. Elder Bednar sagte einmal:
„Unsere geistige Reife zeigt sich auch ganz deutlich daran, wie wir auf die Schwächen, die Unerfahrenheit oder das möglicherweise kränkende Verhalten anderer reagieren.“
Reife zeigt sich nicht im perfekten Leben, sondern im Verständnis für das Unvollkommene. In der Frage: Wie kann ich dir eine Quelle des Lebens sein?
Das ist die ALOHA-Haltung – offen, weich, tragend. Nicht wertend, sondern liebevoll und dienend.
So wie Christus es getan hat: „Unsere Sorgen sollen Seine sein.“ Als Bündnisvolk Christi bedeutet das: Auch die Sorgen der anderen gehören zu uns.
Quelle des Lebens durch Bündnisse
In LuB 81–83 sehen wir, wie der Herr Menschen beruft, segnet – und Raum lässt für Versagen, Versöhnung und Neubeginn. Die Segnung in Abschnitt 81 wurde ursprünglich Jesse Gause gegeben, ging aber dann an Frederick G. Williams über. Der Herr baut weiter – mit anderen – wenn wir scheitern. Und dennoch bleibt Er bereit, uns erneut zu segnen.
„Ein jeder soll auf das Wohl seines Nächsten bedacht sein“ (LuB 82:19) – genau so wird der Herr uns zur Quelle des Segens.
Durch die Bündnisse, die Er uns anbietet – aber niemals aufzwingt – lädt Er uns ein, wie Er zu werden: Träger lebendigen Wassers. Doch diese Quelle bleibt nur aktiv, wenn wir Seinen Willen suchen – und dabei unsere Nächsten nicht vergessen.
Geistige Reife = Fürsorge
Geistige Reife, so erklärt Elder Bednar, zeigt sich nicht in dogmatischer Härte, sondern in der Art, wie wir mit Schwäche und Bruch umgehen. Das gilt nicht nur persönlich, sondern auch als Gemeinde, als Gesellschaft:
„Die Gesundheit eines Landes erkennt man daran, wie es den Frauen und Mädchen geht.“
Ein geistig reifes Volk ist kollektiv tragend. Wir alle haben „dicke und dünne Jahre“ – aber zusammen können wir Stürme abfedern. Wir können Vorrat sein für einander – zeitlich, emotional, geistig.
Die umgekehrte Goldene Regel
Was wäre, wenn wir die Goldene Regel einmal umkehrten?
„Behandle jeden so, wie er oder sie behandelt werden will.“
Nicht unsere Vorstellung von dem, was „gut“ für jemanden ist – sondern zuhören, mitfühlen, Raum geben, so wie es gebraucht wird. Eine echte Quelle des Lebens zu sein, bedeutet nicht, jemandem Wasser aufzudrängen – sondern es so anzubieten, wie und wann es der andere trinken kann.
Fazit
Wir müssen nicht perfekt sein, um zu bleiben. Wir müssen nicht stark sein, um gebraucht zu werden. Und wir müssen auch nicht sofort „zurückkommen“, wenn wir uns verlaufen haben.
Denn unser Zelt – das Zelt des Herrn – hat Platz. Für Herzschmerz. Für Brüche. Für Rückkehr. Und für neue Wege.
Wir sind eingeladen, Quellen des Lebens zu sein – füreinander. Und gemeinsam getragen zu werden von der ewigen Quelle, die niemals versiegt: Jesus Christus.
