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Wer kommt ins Celestiale Reich?

Joseph Smiths Offenbarung über die Reiche der Herrlichkeit (Lehre und Bündnisse 76) war – und ist – revolutionär. Auch wenn wir uns in unserer Kirchenkultur an diese Lehre gewöhnt haben, sollten wir nicht übersehen, wie radikal sie im theologischen Kontext des 19. Jahrhunderts war – und wie revolutionär sie im Christlichen Kontext der Gegenwart noch immer ist!

Diese Offenbarung stellt sowohl den Universalismus (alle werden gerettet, völlig unabhängig vom Verhalten) als auch den extremistischen Calvinismus (Himmel oder Hölle, Schwarz oder Weiß) in Frage – und bietet stattdessen ein nuanciertes, hoffnungsvolles und gleichzeitig herausforderndes Bild vom ewigen Schicksal der Menschen.

Es ist ein Bild, das uns als Heilige der Letzten Tage herausfordert – auch, weil wir es so oft falsch verstehen!

Fast alle werden errettet

Im Kern sagt uns diese Offenbarung: Fast alle werden errettet. Fast alle Seelen werden einen Grad an Herrlichkeit empfangen – telestial, terrestrial oder celestial.

Nur diejenigen, die das Sühnopfer Jesu Christi bewusst und aktiv ablehnen, gelangen in die „äußerste Finsternis“ – nicht als Strafe im klassischen Sinn, sondern weil sie das einzige Licht, das von Christus kommt, nicht haben wollen. Sie wählen bewusst die Finsternis.

Aber alle anderen? Sie werden errettet.

Die Perspektive der Kirche

Und doch reden wir in der Kirche oft nicht so über diese Offenbarung. Unser Fokus liegt fast ausschließlich auf dem celestialen Reich. Alles, was wir in der Kirche tun – von Sonntagsschule über Tempelarbeit bis Missionsdienst – scheint dem einen Ziel zu dienen: Menschen dorthin zu bringen.

In diesem Licht erscheinen das telestiale und terrestrische Reich oft wie abgeschwächte Höllen. Orte, an denen man „nicht ganz angekommen“ ist. Und so entsteht unbewusst ein Schwarz-Weiß-Denken, das der Offenbarung in LuB 76 eigentlich widerspricht.

Wie viele und wer kommt wohin?

Interessant ist auch, was nicht in dieser Offenbarung steht. Wir lesen, dass in der telestialen Herrlichkeit „so viele [sind] wie der Sand am Meer oder die Sterne am Himmel“. Klingt voll, oder? Fast wie: „Da landen die meisten.“

Aber was bedeutet das in Bezug auf die anderen Reiche? Wir bekommen keine Zahlen, keine Verhältnisse. Vielleicht ist die telestiale Welt voll, weil Gott unzählige Welten geschaffen hat. Vielleicht ist sie prozentual sogar leer im Vergleich zu den anderen Herrlichkeiten. Wir wissen es nicht.

Und: Wir wissen auch nicht, wer genau in die celestiale Herrlichkeit kommt.

Tapfer im Zeugnis Jesu?

In Vers 79 heißt es zwar, dass jene, die „im Zeugnis von Jesus tapfer sind“, in die celestialen Herrlichkeit kommen. Aber was heißt das konkret?

  • Heißt es, niemals zu zweifeln?
  • Niemals zu stolpern?
  • Sich nie von der Kirche abzuwenden?

Was ist mit jenen, die Missionare abweisen, die aus der Kirche austreten, die sich verletzt oder ausgeschlossen fühlen und sich deswegen zurückziehen? Können wir sagen, dass sie nicht tapfer waren? Oder müssen wir zugeben, dass wir ihr Herz nicht wirklich beurteilen können?

Der Hüter des Tores

Jakob, der Bruder Nephis, gibt uns eine kraftvolle Wahrheit, die jede Diskussion über „wer hineinkommt“ in ein neues Licht stellt:

„Der Hüter des Tores ist der Heilige Israels; und er setzt dort keinen Diener ein.“ (2. Nephi 9:41)

Am Tor zum Himmel steht nicht Petrus. Auch kein Bischof, kein Pfahlpräsident und keine Statistik. Nur Christus.

Er ist der Einzige, der unser Herz kennt, der unsere Geschichte, unsere Schmerzen, unsere Herausforderungen und unsere Bemühungen vollständig versteht. Und nur Er kann vollkommen gerecht und barmherzig richten.

Wahrscheinlich werden wir überrascht sein, wer alles im celestialen Reich ist. Vielleicht wird es dort nicht exklusiv, sondern überraschend voll sein.

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