Gottes Angesicht sehen | Lektionen aus LuB 88
LuB 88 ist eine der umfangreichsten und tiefgründigsten Offenbarungen, die Joseph Smith empfing. Historiker Richard Bushman beschreibt sie so:
Sie verläuft vom Kosmologischen zum Praktischen – von einer Beschreibung von Engeln, die Posaunen blasen, bis hin zu Anweisungen für die Gründung einer Schule. Sie bietet Skizzen der Ordnung des Himmels, wiederholt die drei Grade der Herrlichkeit, hält eine Abhandlung über das göttliche Gesetz, fasst die Metageschichte der Endzeit zusammen – und bringt alles in Bezug darauf, was die Heiligen jetzt tun sollen.
Man könnte sagen, es ist wie ein Trichter:
Große, himmlische Visionen – und dann ein sehr konkretes „Darum …“ für unseren Alltag.
Der Ruf zur Heiligung
Der Schlüsselvers in diesem Kapitel lautet:
„Darum heiligt euch, damit euer Sinn nur auf Gott gerichtet sei, dann werden die Tage kommen, da ihr ihn sehen werdet; denn er wird für euch den Schleier von seinem Angesicht nehmen, und es wird zu seiner eigenen Zeit sein und auf seine eigene Weise und gemäß seinem eigenen Willen.“ (LuB 88:68)
Die Wiederherstellung ist damit nicht abgeschlossen, sondern geht weiter – von gut zu sehr gut.
Gott handelte schon bei der Schöpfung so:
„Und siehe, es war sehr gut.“ (Genesis 1:31)
Mose wollte seinem Volk ebenfalls das „Sehr Gute“ geben – das höhere Gesetz, die Fülle des Priestertums – aber sie wollten nicht. Heute ist das Melchisedekische Priestertum vor allem im Tempel wirksam. Dort kann sich der Schleier heben, und wir dürfen Christus sehen – geistig und eines Tages buchstäblich.
Ein Haus bauen – auch ohne Steine und Mauern
In den Versen 117–119 ruft der Herr die Heiligen auf, ein Haus zu bauen. Aber was, wenn gerade kein Tempel in der Nähe ist?
Damals gab es die Schule der Propheten – im Grunde eine Tempelvorbereitungsklasse. Der Auftrag bleibt derselbe: schon jetzt heilige Leben führen, um bereit zu sein, wenn wir den Herrn sehen.
Diese Vorbereitung ist erstaunlich praktisch formuliert:
„Seht zu, dass ihr einander liebhabt; hört auf, habgierig zu sein; lernt, miteinander zu teilen …“ (V. 123)
„Hört auf, müßig zu sein; hört auf, unrein zu sein; hört auf, Fehler aneinander zu finden … geht früh zu Bett … steht früh auf …“ (V. 124)
„Bekleidet euch mit dem Band der Nächstenliebe wie mit einem Mantel.“ (V. 125)
„Betet immer, damit ihr nicht ermattet, bis ich komme.“ (V. 126)
Das sind keine Vorschläge für besonders fromme Tage – das ist ein Lebensstil, der uns befähigt, Gott zu begegnen.
Das Ziel: Gottes Angesicht sehen
Das „Darum“ von LuB 88 führt uns dorthin, wo alle Strahlen dieses Kapitels zusammenlaufen:
Wir sollen bereit sein, Gottes Angesicht zu sehen.
Präsident Russell M. Nelson versprach:
„Jeder, der Jesus Christus aufrichtig sucht, findet ihn im Tempel.“
Der Weg dorthin ist kein einmaliges Ereignis, sondern tägliche Heiligung – bis der Tag kommt, an dem der Schleier fällt.
Fazit
LuB 88 zeigt uns, dass es keinen Bruch zwischen himmlischen Visionen und alltäglichem Leben gibt. Kosmologie und Küchentisch gehören zusammen.
Denn wer heute lernt, früh aufzustehen, zu teilen, zu lieben und zu beten, wird morgen vorbereitet sein, in den Tempeln und schließlich im Himmel selbst das Angesicht Gottes zu sehen.
